Sven Elverfeld, Restaurant Aqua

Das Ende eines Lebenswerks

Diese Nachricht versetzte die kulinarische Welt in Aufregung: Das Restaurant Aqua im The Ritz-Carlton in der Autostadt Wolfsburg schließt Ende März seine Türen. Für immer. Damit geht eine Ära zu Ende. Seit der ersten Stunde ist Sven Elverfeld als Küchenchef für die einmalige Erfolgsgeschichte dieses Drei-Sterne-Restaurants verantwortlich

Als das Restaurant Aqua im Jahr 2000 im The Ritz-Carlton, Wolfsburg eröffnete, klang vieles wie ein Versprechen. Heute ist es längst eingelöst: Beständigkeit und Innovation, getragen von einem Team, das Exzellenz als tägliche Haltung versteht. Seit 2009 wird das Aqua ununterbrochen mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Es ­belegt kontinuierlich Spitzenplätze in führenden Guides und Ranglisten – eine Erfolgsgeschichte mit internationaler Strahlkraft. Mit der Schließung Ende März geht eine Ära zu Ende. Sven Elverfeld ist als Küchenchef seit der ersten Stunde für die Erfolgsgeschichte des Aqua verantwortlich. 2002 freute er sich mit seinem Team über den ersten Stern des Guide Michelin. 2006 folgte der zweite Stern, bevor Sven Elverfeld und mit ihm das Aqua 2009 endgültig in den Olymp der Spitzenküche aufstieg: Die drei Michelin-Sterne wurden seither Jahr für Jahr bestätigt.

Gerichte und Geschichten, die bleiben

Häufig sind die Gerichte Sven Elverfelds von seinen kulinarischen Erin­nerungen geprägt. Somit erzählt jedes Menü eine geschmacklich vielseitige Geschichte mit ganz besonderem Charakter. Elverfelds Küche wurde oft als „Küche der Erinnerung“ beschrieben: Gerichte, die Vertrautes präzise neu denken und veredeln. Ikonen dieser Handschrift sind die Kalamata-Olive, inspiriert von seiner Zeit in Griechenland, die Taube Orientalisch mit Gewürzen aus Dubai, der von der Presse als Mondrian betitelte Tafelspitz sowie das ikonische Ruinart Rosé Crème Sorbet. Sie alle sind Gerichte und Geschichten, die bleiben.

Sven Elverfeld entwickelte über all die Jahre einen eigenen kulinarischen Stil, der internationale Anerkennung fand. Auszeichnungen waren nie Ziel, sondern Ergebnis einer konsequenten Arbeit. Und nicht zuletzt ist das Aqua auch eine Talentschmiede, aus der viele heute selbst prägende Kochpersönlichkeiten hervorgegangen sind. „Ein Lebenswerk endet – damit ein Lebenstraum entstehen kann“, sagt Sven Elverfeld. Er schließt das Kapitel Aqua, um den Lebenstraum seiner Ehefrau Saskia zu unterstützen. Sie hat das Parkhotel Wolfsburg als Eigentümerin übernommen. Sven Elverfeld will seine Zusammenarbeit mit dem Restaurant S.E.A. an Bord der Evrima (The Ritz Carlton Yacht Collection) fortsetzen, wo er ein exklusives Fünf-Gänge-Menü gestaltet.

Aqua – Leistungen & Meilensteine (Auswahl):
• Guide Michelin: 1. Stern 2002, 2. Stern 2006, 3. Stern seit 2009 (ununterbrochen bis heute)
• Guide Michelin: Mentor Chef Award (2024)
• Gault&Millau: 5 Hauben (seit 2021 konstant)
• Hornstein-Ranking: Rang 1 (2025)
• European Hotel Awards: Millenium Award for Lifetime Achievement (2024)
• World’s 50 Best Restaurants: Platz 28 (2014)

Über 25 Jahre war das Aqua mehr als eine Bühne für anspruchsvolle Kulinarik. Eine Generation von Köchinnen & Köchen hat hier Haltung und Handwerk gelernt und prägt heute mit eigener Handschrift die internationale Spitzengastronomie – von München über Dubai bis nach Hongkong. Zu ihnen zählen Jan Hartwig (Jan, München; drei Sterne seit 2023), Jens Fischer, Christian Eckert, Sarah Henke, Matthias Dieter sowie die Sühring-Zwillinge; viele weitere Ehemalige haben sich weltweit etabliert und bisher selbst  insgesamt 24 Michelin-Sterne errungen haben. Sven Elverfeld setzt einen klaren Schlusspunkt unter ein erzähltes Werk – und will Neues mit derselben Sorgfalt angehen, mit der er 25 Jahre lang Perfektion geschaffen hat. Das Konzept Aqua wird nicht fortgeführt. The Ritz Carlton, Wolfsburg will sein gastronomisches Angebot neu ausrichten.

Interview

„Was hier entstanden ist, bleibt unverfälscht bestehen“

Sven Elverfeld über das Aus für das Aqua nach über 25 Jahren, die Ziele für sein neues Leben, warum das Restaurant nicht unter neuer Ägide weitergeführt wird und die Erkenntnis, dass Beständigkeit der eigentliche Luxus ist

chefs!: Châpeau, Herr Elverfeld, die wenigsten Spitzenköche schaffen es, sich auf dem Höhepunkt ihres Wirkens aus der Sterneküche zurückzuziehen. Wie ist es Ihnen gelungen?
Sven Elverfeld: Das hatte viel mit Haltung und Timing zu tun. Ich habe immer daran geglaubt, dass Anfang und Ende eines Werks genauso bewusst gesetzt werden sollten wie jeder Schritt dazwischen. Nach 25 Jahren im Aqua hatte ich für mich das Gefühl, dass das, was ich erzählen wollte, gesagt ist; konsequent und ohne Abkürzungen. Mir war wichtig, aus einer inneren Klarheit heraus zu entscheiden. Wenn ich heute ins Aqua gehe, spüre ich genau das, wofür es immer stehen sollte: Präzision, Respekt vor dem Produkt, eine klare Handschrift und ein starkes Team. Einen solchen Ort auf seinem Zenit zu schließen, empfinde ich als einen sehr bewussten Schritt nach vorn.

chefs!: Was ist Ihr persönliches Fazit nach über 25 Jahren kulinarischen Schaffens auf höchsten Niveau?
Elverfeld: Nach über 25 Jahren bleibt für mich vor allem die Erkenntnis, dass Beständigkeit der eigentliche Luxus ist. Höchstes Niveau entsteht nicht durch einzelne Höhepunkte, sondern durch tägliche Konsequenz – im Handwerk, im Umgang mit dem Produkt und im Miteinander im Team. Am Ende sind es nicht die großen Momente, sondern die tausend sauberen Services, die einen Ort wirklich tragen. Präzision trägt nur dann, wenn sie von Respekt begleitet wird: gegenüber den Menschen, mit denen man arbeitet, und gegenüber den Gästen, die einem über viele Jahre ihr Vertrauen schenken. Die Sterne waren dabei nie Ziel, sondern Ergebnis dieser Konsequenz. Entscheidend war immer, ob das, was wir tun, inhaltlich stimmig ist. Rückblickend überwiegt für mich die Dankbarkeit, ein Restaurant über so lange Zeit entwickeln zu dürfen.

chefs!: Werden Sie die Sterneküche und die damit verbundenen positiven Aspekte der internationalen Anerkennung und Aufmerksamkeit nach Ihrem Abschied aus dem Aqua nicht vermissen?
Elverfeld: Internationale Anerkennung und Aufmerksamkeit sind für mich nicht der Antrieb, sondern immer eine Folge der Arbeit. Die Sterne haben bestätigt, dass wir konsequent und auf hohem Niveau gearbeitet haben – aber sie waren nie der Maßstab, an dem ich meine tägliche Arbeit ausgerichtet habe. Was mir wichtiger ist als Auszeichnungen, ist die Möglichkeit, inhaltlich sauber zu arbeiten: mit Fokus auf Produkt, Handwerk und Team. Diese Haltung ist nicht an ein Restaurant oder an Bewertungen gebunden. Deshalb empfinde ich den Abschied als stimmig.

chefs!: Was treibt Sie um beim Gedanken an die Zeit Ende März, wenn das Aqua für immer schließt und Sie das Zepter aus der Hand geben?
Elverfeld: Was ich vor allem empfinde, ist Ruhe und Klarheit. Natürlich bedeutet ein solcher Schritt Veränderung. Nach vielen Jahren mit sehr klaren Strukturen entsteht ein neuer Rhythmus, und dafür braucht es Aufmerksamkeit und Respekt. Entscheidend ist für mich, diesen Abschluss mit derselben Sorgfalt zu gestalten, die das Aqua über viele Jahre geprägt hat. Wenn das gelingt, überwiegt nicht die Frage nach dem Danach, sondern das Gefühl, dass dieser Abschluss genau zur richtigen Zeit kommt.

chefs!: Warum schließt das Aqua jetzt eigentlich gänzlich – gab es keinen Nachfolger aus den eigenen Reihen oder von außerhalb?
Elverfeld: Das Aqua war von Beginn an als sehr klar definierter Ort gedacht – mit einer Idee, einer Haltung und einer Konsequenz, die über viele Jahre gemeinsam gewachsen sind. Es ging nie um ein übertragbares Konzept, sondern etwas, das über viele Jahre so gewachsen ist, wie es wachsen sollte. Eine Fortführung unter gleichem Namen oder in vergleichbarer Form hätte dem nicht entsprochen, wofür das Restaurant über 25 Jahre stand. Für mich gehört zur Konsequenz auch, zu erkennen, wann ein Werk inhaltlich abgeschlossen ist. So bleibt das, was hier entstanden ist, unverfälscht bestehen.

chefs!: Ist das Aus für das Aqua am Ende auch ein Hinweis auf das nahende Ende der Sternegastronomie in ihrer bekannten Form? Oder war die Volkswagen AG nicht länger bereit, in Sterne & Co. zu investieren; in einer Zeit, in der die Automobilindustrie an einem Wendepunkt steht?
Elverfeld: Ich schaue da zuerst auf die Küche – auf Menschen, Strukturen und den täglichen Anspruch. Talente, Teamkultur, verlässliche Abläufe und ein klarer Qualitätsmaßstab sind die Grund-lagen, auf denen Spitzengastronomie entsteht. Wer das konsequent lebt und klar positioniert, bleibt auch künftig sichtbar. Bei der Schließung des Aqua liegt der Auslöser eindeutig bei mir ­persönlich. Es gab keinen finanziellen Druck und keine veränderten Rahmenbedingungen, die diesen Schritt aus­gelöst hätten. Mir war wichtig, diesen Abschluss zu einem Zeitpunkt zu setzen, an dem das Restaurant in seiner Substanz genau das verkörpert, wofür es stand – und daran wird sich bis zum letzten Service nichts ändern.

chefs!: Worauf freuen Sie sich am meisten beim Gedanken an Ihr „neues“ Leben?
Elverfeld: Ich freue mich auf mehr Balance. Ich hatte immer ein erfülltes Leben – mit einem sehr klaren Mittelpunkt und einem Rhythmus, den die Spitzengastronomie vorgibt. Jetzt entsteht Raum, Dinge bewusster zu planen und auch einmal ohne Uhr im Kopf zu sein. Ganz konkret bedeutet das: mehr Zeit mit der Familie, mehr Musik, mehr Reisen – und die Freiheit, den Tag anders zu strukturieren.

chefs!: Wie sieht Ihre Zukunft konkret aus? Werden Sie Küchenchef im Hotel Ihrer Frau? Oder suchen Sie andere Aufgaben in der kulinarischen Welt? Wollen Sie vielleicht sogar noch mal etwas ganz Neues ausprobieren?
Elverfeld: Im Moment ist mein Fokus sehr klar: Das Kapitel Aqua wird bis zum letzten Service mit voller Konzen­tration zu Ende geführt. Mir ist wichtig, diesen Abschluss bewusst zu erleben, gemeinsam mit dem Team und den ­Gästen. Alles Weitere entwickelt sich danach. Ich unterstütze meine Frau bei ihrem Hotelprojekt sehr bewusst. In welcher Form ich mich dort einbringe, wird sich aus dem Projekt heraus ergeben und nicht aus einer vorab definierten Rolle. Darüber hinaus interessiert mich die kulinarische Welt weiterhin in ihrer ganzen Breite – Austausch, Entwicklung, neue Perspektiven. Entscheidend ist für mich, dass die Dinge Substanz haben und dass sie sich aus dem richtigen Moment heraus ergeben.

„Nach 25 Jahren im Aqua hatte ich das Gefühl, dass das, was ich erzählen wollte, gesagt ist.“

Sven Elverfeld, 3-Sterne-Koch seit 2009

Text & Interview: Sabine Romeis
Fotos: Kirchgasser Photography; Gary Schmid; Deidi von Schaewen; Götz Wrage; Uwe Spörl