Ralph Winterhalter, Winterhalter Firmengruppe

„So heftig, wie Finanzkrise und 9/11 zusammen!“

Mit mehr als 1.900 Mitarbeitern weltweit zählt die inhabergeführte Firmengruppe Winterhalter Spezialist für gewerbliche Spülsysteme, zu den zu den Global-Playern der Großküchenbranche. Wie geht es dem Unternehmen in der Corona-Krise? Ein Gespräch mit CEO und Inhaber der Winterhalter Firmengruppe Ralph Winterhalter

Ralph Winterhalter, CEO Winterhalter Firmengruppe
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Unsere Hilfe nach der Krise – winterhalter

Als Global Player in der Grossküchenbranche mit Hauptzielgruppe Gastronomie hat man es gegenwärtig nicht leicht!

Winterhalter: Das stimmt. Es gibt drei Branchen, in denen man in Zeiten dieser weltweiten Pandemie lieber nicht tätig sein sollte: Das sind die Luftfahrt, der Tourismus und das Gastgewerbe.

Doch gerade die Betriebe des Gastgewerbes, die wochenlang unter dem Shutdown litten und nun in der schwierigen Phase der Wiederöffnung stecken, sind ja – neben Bäckereien und Metzgereien – die Hauptklientel für Ihre gewerblichen Spülsysteme.

Winterhalter: Richtig. Und mit über 40 Tochtergesellschaften in aller Welt hat es uns in der Konsequenz und Heftigkeit diesmal stärker als je zuvor erwischt. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf unser Geschäft sind mindestens so heftig wie die von Finanzkrise und 9/11 zusammen genommen. Und damals ging es der Gastronomie noch relativ gut, die Leute sind trotzdem zum Essen gegangen, wenn auch weniger opulent, aber das Grundrauschen war noch da.

Was hat Sie in dieser Krise am meisten überrascht?

Winterhalter: Die Geschwindigkeit, mit der Corona unser geschäftliches und privates Leben auf den Kopf gestellt hat – das war geradezu schwindelerregend. Als wir Anfang Januar durch unsere Niederlassung in China von den ersten Covid-19 Fällen hörten, war die Pandemie gefühlt noch ganz weit weg. Dann, Ende Februar, nach der sensationall besten Intergastra in der Winterhalter Firmengeschichte, ging es Schlag auf Schlag. Es fühlte sich für uns so an, als hätte jemand bei Vollgas einfach die Handbremse gezogen. Die Nachfrage nach unseren Produkten brach ein, und mit den Lockdowns in den verschiedenen Ländern mussten wir weltweit fast alle Mitarbeiter in Kurzarbeit bringen. Plötzlich im Homeoffice arbeiten zu müssen und nicht mehr beratend zu unseren Kunden gehen zu dürfen, das konnten wir uns gar nicht vorstellen.

Winterhalter CTR M

Können Sie in diesen dramatischen Zeiten überhaupt noch ruhig schlafen?

Winterhalter: Ja, danke, trotz Corona Krise schlafe ich immer noch sehr gut. Unsere ganze Familie ist bei bester Gesundheit, Homeoffice und Homeschooling klappen erstaunlich gut.

Aber spüren Sie denn nicht die wirtschaftlichen Folgen der Krise, die gerade sehr viele Unternehmen in Ihren Kundenkreisen und im Wettbewerbsumfeld in Schieflage bringen?

Winterhalter: Natürlich haben wir in allen unseren Ländermärkten drastische Umsatzeinbrüche, in manchen geht das bis hin zum vorübergehenden Totalaus-fall. In Schieflage im Sinne von Existenz-gefährung gerät die Winterhalter Firmengruppe aber deshalb zum Glück nicht. Wir haben in den letzten Jahren sehr gut gewirtschaftet und sind in der komfortablen Position, von Banken und Staatshilfen unabhängig zu sein.

Davon können viele Ihrer Kunden jetzt nur träumen!

Winterhalter: Das stimmt leider. Ich glaube aber, dass die Coronakrise für viele Betriebspleiten nicht die eigentliche Ursache ist, sondern vielmehr ein Brandbeschleuniger. Wer, wie leider viele Gastronomen, selbst in guten Zeiten eine ganz dünne Eigenkapitaldecke hat, ist nicht krisensicher aufgestellt.

Viele Gastronomen scheuen sich, die Kosten der zum Teil erheblichen
Hygieneauflagen als Zuschläge oder Preiserhöhungen an ihre Gäste weiterzugeben. Können Sie das verstehen?

Winterhalter: Dass die Welt nach Corona eine andere ist als zuvor, das weiß doch inzwischen jeder. Und wenn ein Gastronom wegen der Hygieneauflagen 60 bis 80 Prozent weniger Umsatz macht, aber die Kosten im Grunde wie zuvor weiterlaufen, dann sollte doch jedem klar sein, dass sich das in höheren Preisen niederschlagen muss. Ich glaube, dass die meisten Gäste das verstehen.

Gewerbliche Spülmaschinen sind unverzichtbar, um die strengen Corona-Hygieneauflagen in der Gastronomie zu erfüllen. Spüren Sie, dass die Nachfrage nach professioneller Spültechnik im Zuge des gastronomischen Restarts boomt?

Winterhalter: Wir merken schon, dass die Nachfrage nach unseren Produkten und Dienstleistungen im Zuge der Lockerungen wieder steigt, aber es ist zu früh, von einem Boom zu sprechen. Für mich ist es keine Frage: Mittelfristig werden von der neuen Normalität alle profitieren, die Produkte und Systeme rund um die Sicherstellung der Hygiene herstellen und verkaufen. Die Erfahrung mit früheren Pandemien wie SARS oder Vogelgrippe hat uns gelehrt, dass das Thema Hygiene nach einer Krise immer präsenter ist als vorher. Insbesondere das Thema Spülen gewinnt jetzt erheblich mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft – auf Seiten des Gastes als auch auf Seiten der Gastronomen.

Können Ihre Außendienstler nun wieder raus zu den Kunden, nachdem die einzelnen Bundesländer die Öffnung der Gastronomie erlaubt haben?

Winterhalter: Gerade läuft im deutschen Markt eine Aktion, im Rahmen derer wir für unsere Kunden einen kostenlosen Hygienecheck anbieten. Wir geben detailliert Auskunft zu Fragen wie “Sind wir mit unseren Massnahmen auf dem richtigen Weg? Ist unsere Spüllösung DIN konform? Müssen wir unsere Spültechnik ggf. aufstocken, um die erhöhten Anforderungen gerecht zu werden? Dürfen Gläser überhaupt noch von Hand gespült werden?”. Der Bedarf an Know-how und Beratung ist hoch, aber er findet aktuell überwiegend per Email, Videocall oder am Telefon statt. Viele Hotel- und Restaurantbetreiber sagen uns: „Beratung – sehr gerne, aber bitte noch nicht hier bei uns vor Ort.“

Die Auswirkungen der Pandemie auf unser Leben, Arbeiten und die Wirtschaft sind gigantisch. Können Sie der Krise auch positive Seiten abgewinnen?

Winterhalter: Durchaus. Corona hat zum Beispiel das Thema Digitalisierung in Unternehmen einen großen Schritt voran gebracht. Das Homeoffice ist zur Normalität geworden, und viele Geschäftsgespräche, die früher mit einer enormen Reisetätigkeit verbunden waren, finden nun in der virtuellen Welt statt. Wir stehen mit unseren Niederlassungen weltweit über die digitalen Kanäle ständig im Austausch und lernen momentan stark voneinander. Während beispielsweise in China das wirtschaftliche Leben wieder anlief, waren wir hier in Deutschland noch mitten im Shutdown. Von den Erfahrungen unserer Teams in Asien, wie sich beispielsweise Kettenkunden dort in der Restart-Phase verhalten und welche Anforderungen sie haben, konnten wir für unsere Arbeit in anderen Ländermärkten profitieren.

Wird Winterhalter nach der Krise ein anderes Unternehmen sein?

Winterhalter: Es wird mit Sicherheit keinen radikalen Kurswechsel geben, aber Krisenzeiten sind immer Anlass zur Selbstreflektion und für die Suche nach neuen Wegen und Lösungen. Wir blicken zurück auf elf Jahre Hochkonjunktur. Das kann manchmal eine Einbahnstraße sein, weil man, getragen vom Erfolg, leichtsinnig wird. Unternehmen sollten sich regelmäßig hinterfragen: Machen wir noch alles richtig? Dieses Infragestellen ist ein gesunder Prozess, aber dafür hätte es keine Corona-Krise gebraucht, eine normale Rezession hätte es auch getan.

Wie lange wird es nach noch dauern, bis wieder Normalität einkehrt?

Winterhalter: Das ist eine schwere Frage. Die weitere Entwicklung ist immer noch schwer vorhersehbar. Wird es eine zweite Infektionswelle geben, und wenn ja, wie heftig wird sie ausfallen? Müssen wir zurück in den Lockdown? Wie geht es mit den Lockerungen weiter? Wie verhalten sich die Gäste? Es gibt im Moment so unglaublich viele Variablen, die es eine seriöse Prognose unmöglich machen. Die Daten- und Faktenlage kann sich stündlich ändern. Wenn jetzt alles gut geht, das Geschäft wieder anläuft und 2021 wieder ein Jahr auf dem Umsatzniveau von 2019 wird, wäre das schon super.

Winterhalter CTR M

Text: Sabine Romeis
Fotos: Rational